Sie betrachten gerade Wasseramsel bereitet Sorgen
Wasseramsel mit Futter © Frank Derer

Pressemitteilung vom 14.04.2026

In diesen Tagen schreitet sie hier und da wieder zur Brut unter Brücken und in natürlichen Nischen am Ufer von Bächen: Die Wasseramsel. Der Singvogel scheint jedoch im Kreisgebiet stark rückläufig zu sein, wie der NABU-Kreisverband mitteilt. Der Verband fordert deshalb mehr Anstrengungen beim Gewässerschutz: Neben Gewässerrenaturierungen, um die Struktur von Bächen und Flüssen zu verbessern, müsse auch in Sachen Wasserqualität noch einiges getan werden. Hierzu hält der NABU den Einbau der vierten Reinigungsstufe in Kläranlagen für notwendig, die beispielsweise Medikamentenrückstände beseitigt.

In den 1990ern und 2000er Jahren erreichten den Kreisverband Meldungen, die sich im Mittel auf etwa 18 bzw. 21 Brutpaare pro Jahr für den gesamten Kreis Gießen summierten. Seit 2010 geht die Zahl kontinuierlich zurück, in den 10er Jahren waren es im Schnitt nur noch halb so viele Wasseramsel-Brutpaare wie zuvor, in den 2020ern fiel der Wert weit unter zehn.

Die Wasseramsel ist auf strukturreiche Bäche angewiesen. Tauchend sammelt sie Nahrung für sich und ihre Jungen. Für die Brut müssen Larven von Zweiflüglern, Köcherfliegen, Steinfliegen und Eintagsfliegen in einer hohen Dichte vorhanden sein. Eintagsfliegenlarven machen die Hälfte der Jungvogelnahrung aus. Ihre Nester errichtet die Art in Nischen und Höhlen am Ufer, am besten über dem Wasser hängend. Somit nimmt sie auch Nistkästen unter Brücken gerne an, jedoch blieben viele in den letzten Jahren verwaist. Für das Jahr 2025 sind dem NABU-Kreisverband nur drei Bruten im Kreisgebiet bekannt, an fünf Gewässern wurde erfolglos nach Wasseramseln gesucht.

Zur Ursachenforschung strengte der NABU-Kreisverband bereits mehrere Untersuchungen an, die bisher jedoch nur Ansätze aufzeigen konnten.

© Frank Derer

An Lumda, Wetter und Bieber entnahm man im vergangenen Jahr Wasser- und Sedimentproben oberhalb und unterhalb von Kläranlagen und ließ sie auf 35 Medikamente analysieren. Insgesamt konnten dreizehn davon in Wasserproben nachgewiesen werden.  Die Bieber ist oberhalb der Kläranlage frei von Nachweisen, unterhalb finden sich Rückstände von 13 Medikamenten. An der Wetter in Ober-Bessingen fand man ein Medikament, in Nieder-Bessingen bereits zwölf verschiedene. Auch die Lumda ist belastet mit verschiedenen Medikamenten-Resten. Als Beispiel findet sich Diclofenac in Bieber und Wetter nur unterhalb der Kläranlagen, in der Lumda war es an beiden beprobten Stellen nachweisbar. Diese Stoffe wirken sich negativ auf das Insektenleben im Gewässer aus. Auch der ebenfalls wie Diclofenac für tierische Organismen als sehr problematisch bekannte Stoff Carbamazepin war mehrfach nachweisbar.

Eine vom Institut für Tierökologie der Uni Gießen durchgeführt Bachelor-Arbeit nahm das „Makrozoobenthos“, also Menge und Zusammensetzung der Insektenlarven und anderer Tiere, die die Nahrungsgrundlage der Wasseramsel bilden, – an Lumda und Bieber in den Blick. Die Einleitung der Kläranlagen habe demnach spürbaren Einfluss auf die Artenzusammensetzung, auch wenn sich dies methodisch bedingt nicht statistisch belegen lasse. Die Gewässerstruktur – also Bodensubstrat, Strömungsgeschwindigkeit, Lichtverhältnisse sowie Ufervegetation – hatte messbar höheren Einfluss auf die Zusammensetzung der Insektenfauna in den Bächen.

In diesem Jahr hat der NABU-Kreisverband einige Freiwillige aktiviert, um möglichst alle Bäche im Kreisgebiet abzulaufen. Gesucht werden sollen außer der Wasseramsel dabei auch Gebirgsstelze und Eisvogel. Interessierte, die mitmachen möchten, können sich per E-Mail unter specht@nabu-giessen.de melden.

Die bisherigen Befunde zeigen nach Meinung des NABU-Kreisverbandes jedoch schon den dringenden Handlungsbedarf hin zu einer vierten Reinigungsstufe in den Kläranlagen. Schließlich käme saubereres Wasser dann auch uns Menschen zugute. Die Wasseramsel sei hier nur ein Zeiger, dass etwas nicht stimme. So teuer sei eine entsprechende Umrüstung nicht, wie der NABU betonte.