Presemitteilung vom 13.07.2026
Die Wasseramsel ist ein knapp amselgroßer, braunschwarzer Vogel mit weißer Kehle und weißer Brust. Sie lebt an schnellfließenden, sauberen Gewässern mit kiesigem Grund und naturnahem Ufer. Dort erbeutet sie Insekten wie Köcher-, Stein- und Eintagsfliegen und ihre Larve sowie Flohkrebse und gelegentlich kleine Fische. Als einziger einheimischer Singvogel ist sie in der Lage, unter Wasser zu schwimmen und zu tauchen. Mithilfe ihrer Flügel taucht sie -stets gegen die Strömung- bis zu 30 cm tief zum Gewässergrund.
Am Anfang der 2000er Jahre wurden noch zwischen 20 und 30 Brutpaare an geeigneten Bächen im Kreisgebiet festgestellt. Bei der Auswertung der „Vogelkundlichen Jahresberichte“ der Jahre 1991 -2019 für die Avifauna „Die Vogelwelt des Kreises Gießen“ im Jahre 2019 fiel dem Autor Achim Zedler jedoch schon ein deutlicher Rückgang der Brutzahlen seit etwa dem Jahr 2006 auf. Dieser war nicht durch Bestandsschwankungen und Verlusten durch harte Winter zu erklären wie sie immer wieder periodisch vorkommen.
Im Jahr 2020 startete der NABU-Kreisverband einen ersten Aufruf an die NABU-Gruppen im Kreis, gezielt in den bekannten Brutgebieten nach Wasseramseln zu suchen und diese zu melden. Auch vorhandene, meist unter Brücken angebrachte Nisthilfen sollten dazu kontrolliert werden. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur 4 Brutpaare wurden gemeldet. In den beiden folgenden Jahren wurden dann 5 und 3 Brutpaare gemeldet. Der absolute Tiefpunkt wurde 2023 erreicht, in diesem Jahr wurde keine einzige Wasseramselbrut im gesamten Kreisgebiet festgestellt und auch nur 3 Vögel überhaupt gemeldet. Im Jahr 2024 wurde immerhin eine Brut bei Rodheim-Bieber festgestellt.
Um dem Rückgang der Wasseramsel auf den Grund zu gehen, beschloss der NABU-Kreisverband eine vollständige Erhebung durchzuführen. Dazu wurden im April diesen Jahres alle für diese Art in Frage kommenden 16 Bäche und Flüsse im Kreisgebiet durch Ehrenamtliche begangen und gezielt nach Wasseramseln gesucht. Die Lahn wurde von Odenhausen im Norden bis zur südlichen Kreisgrenze bei Atzbach mit dem Kanu befahren. Ist eine Wasseramsel an einem Gewässer anwesend, macht sie sich insbesondere zur Fortpflanzungszeit durch laute Rufe bemerkbar, außerdem finden sich an Stellen mit starker Strömung typische Kotspuren auf Steinen oder Ästen, die von denen anderer Arten abzugrenzen sind. Trotz des hohen Aufwands wurden nur 4 Brutreviere der Wasseramsel gefunden. Diese liegen alle an den Oberläufen von zwei Gewässern, noch oberhalb von Siedlungen und der damit verbundenen Einleitung von Abwässern. Zusätzlich wurden noch andere, an Fleißgewässer gebundene Arten erhoben. So fanden sich 50 Reviere der Gebirgsstelze und 18 Reviere des Eisvogels. Auch Stockenten halten in nicht unbeachtlicher Zahl Reviere an den Bächen des Kreises, was bisher weitgehend unbemerkt blieb.
Da die Wasseramsel, bzw. die Insektenlarven, die ihre Nahrungsgrundlage bilden, auf sehr sauberes Wasser angewiesen sind, vermutet der NABU-Kreisverband, dass hier der Grund für den drastischen Rückgang der Art zu finden ist. Die geklärten Abwässer enthalten nämlich im zunehmenden Maße Medikamentenrückstände, nicht abbaubare Giftstoffe (PUFAS) und Mikroplastik. Diese Stoffe stehen im Verdacht, die Fortpflanzung der Insekten und anderer Kleinstlebewesen zu stören. Der NABU-Kreisverband hat vergleichende Untersuchungen der Wasserqualität und der Zusammensetzung der am Gewässergrund lebenden Tiere oberhalb und unterhalb von Kläranlagen durchführen lassen und will noch ergänzende Untersuchungen hierzu beauftragen.

