Pressemitteilung vom 14.09.2026
Wie ist es im Kreis Gießen um die 5 Kandidaten bestellt?
Noch bis zum 15. Oktober können Vogel- und Naturfreunde sich an der Wahl zum „Vogel des Jahres 2027“ beteiligen. Zur Wahl stehen in diesem Jahr: Kolkrabe, Trauerschnäpper, Kranich, Wasseramsel und Mehlschwalbe. Auf der Homepage des NABU Deutschland kann man sich ausführlich über die Kandidaten, ihre Lebensräume und ihren Gefährdungsstatus informieren und natürlich auch seine Stimme abgeben. Doch gibt es diese Vögel auch im Kreis Gießen und wie geht es ihnen hier bei uns? Auf diese Fragen gibt der, gerade vom NABU-Kreisverband Gießen herausgegebene 35. Band der „Vogelkundlichen Jahresberichte“ sowie die Avifauna „Die Vogelwelt des Kreises Gießen – historischer Rückblick und aktueller Bestand“ von 2019 Auskunft. Um es vorweg zu nehmen: Noch gibt es alle 5 Arten bei uns.
Kolkrabe: Als ich Mitte der 90iger Jahre bei einer Wanderung im Krofdorfer Forst zum ersten Mal einen Kolkraben hörte und auch sah, war es ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Kolkraben waren nämlich in den 1880iger Jahren in fast ganz Deutschland als „Schädlinge“ ausgerottet worden und damit höchst seltene Fabelwesen wie Steinadler, oder auch Wolf und Braunbär geworden. Der erste Brutplatz eines Kolkrabenpaares im Krofdorfer Forst wurde 1993 noch geheim gehalten, da die üble und falsche Nachrede als Nesträuber und Lämmerkiller noch nachwirkte. Seither hat sich der Bestand unserer größten Singvögel sehr erfreulich entwickelt. Über 80 Brutpaare wurden 2024 im Kreisgebiet gemeldet und dabei dürften noch nicht einmal alle erfasst worden sein.

Kolkrabe © Eckhard Richter
Trauerschnäpper: Er ist ein Langstreckenzieher, da er südlich der Sahara überwintert. Wenn er dann Mitte April zurückkehrt, sind die besten Bruthöhlen und Nistkästen in lichteren Waldgebieten, am Waldrand und in Gewässernähe oft schon durch Meisen besetzt. Es kann zu heftigen Revierkämpfen kommen. Hat er sich eine geeignete Bruthöhle gesichert, ist der brütende Vogel und die Brut durch Bruträuber wie Waschbären, Eichhörnchen und Spechte bedroht. Durch den späten Brutbeginn kann es zudem passieren, dass zur Fütterung der Jungen keine ausreichenden Mengen an Raupen und Insektenlarven zur Verfügung stehen, da diese bedingt durch den Klimawandel längst das Erwachsenenstadium erreicht haben. Dann sind die Insekten jedoch nicht mehr so leicht zu erbeuten. Es verwundert nicht, dass der Bestand des Trauerschnäppers auch in Kreis Gießen deutlich abgenommen hat. Anhand von Nistkastenbelegungen lässt sich dies feststellen. Zum Anfang des Jahrtausends belegte der Trauerschnäpper noch 5% der Nistkästen. Dieser Anteil ist kontinuierlich auf unter 3% gesunken. Wer dennoch im Frühjahr Trauerschnäpper beobachten will, dem sei ein Besuch an den „Drei Teichen“ bei Villingen empfohlen. Der dortige Verein für Natur- und Vogelschutz hat dort seit 2012 zusätzliche Nistkästen für die Trauerschnäpper reserviert. Außerdem sind alle Nistkästen mit Drahtkörben vor Bruträubern geschützt worden. Seitdem sind dort jedes Jahr überdurchschnittlich viele Brutpaare des Trauerschnäppers zu finden.

Trauerschnäpper © Eckhard Richter
Kranich: Schon bald werden wieder lange Ketten dieser faszinierenden Vögel trompetend über uns hinwegziehen und an den nahenden Winter erinnern. Und ja, es sind mehr geworden. Zogen bis 2006 im Herbst zwischen 70.000 – 90.000 Kraniche über das Kreisgebiet hinweg, sind es seit den 2010er Jahren durchschnittlich 150.000 – 200.000 Individuen. Damit überquert etwa die Hälfte der gesamten Kranichpopulation, die in einem etwa 80 km breiten Front von Nordost nach Südwest über uns hinwegzieht und derzeit auf etwa 400.000 Vögel geschätzt wird den Kreis Gießen. Seit 1995 werden im Herbst auch rastenden Kraniche insbesondere aus der Horloffaue gemeldet. Im Winter 2021/22 überwinterten dort sogar mehrere Hundert Kraniche bis in den Februar hinein. Mit dem Beginn der 2000er Jahre werden auch im Sommer einzelne Kraniche in der Horloffaue festgestellt. Eine erfolgreiche Brut konnte jedoch bisher nicht nachgewiesen werden. Die Zahlen belegen jedoch die überragende Bedeutung der Horloffaue als Rastgebiet für Zugvögel

Kranich © Eckhard Richter
Wasseramsel: Dieser, in einzigartiger Weise an das Leben im und am Wasser angepasste Vogel ist seit einigen Jahren eines der Sorgenkinder des NABU-Kreisverbands. Wurden Anfang der 2000er Jahre noch zwischen 20 und 30 Brutpaare an geeigneten Bächen im Kreisgebiet festgestellt, fällt seit etwa dem Jahr 2006 ein dramatischer Rückgang auf. Dieser ist nicht durch Bestandsschwankungen und Verlusten durch harte Winter zu erklären wie sie immer wieder periodisch vorkommen. Der absolute Tiefpunkt wurde 2023 erreicht. In diesem Jahr wurde keine einzige Wasseramselbrut im gesamten Kreisgebiet festgestellt und auch nur 3 Vögel überhaupt gemeldet. Um dem Rückgang der Wasseramsel auf den Grund zu gehen, beschloss der NABU-Kreisverband eine vollständige Erhebung durchzuführen. Dazu wurden im April dieses Jahres alle für diese Art in Frage kommenden 16 Bäche und Flüsse im Kreisgebiet durch Ehrenamtliche begangen und gezielt nach Wasseramseln gesucht. Trotz des hohen Aufwands wurden nur 4 Brutreviere der Wasseramsel gefunden. Diese liegen alle an den Oberläufen von zwei Bächen, jeweils noch oberhalb von Siedlungen und der damit verbundenen Einleitung von Abwässern. Da auch geklärte Abwässer Medikamentenrückstände, Mikroplastik und andere Schadstoffe enthalten können, wird hier der Grund für den Rückgang der Art vermutet.

Wasseramsel © Eckhard Richter
Mehlschwalbe: Noch flitzen über unseren Dörfern und Städten die letzten Mehlschwalben freundlich zwitschernd durch die Luft. Sie haben noch eine zweite Brut durchgeführt und bereiten nun den Nachwuchs auf die Reise ins Winterquartier vor. Bei ihrer Rückkehr im Frühjahr finden sie ihre, aus vielen kleinen Lehmklümpchen unter dem Dachüberstand geeigneter Häuser erbauten Nester leider mitunter zerstört vor. Viele Hausbesitzer wissen immer noch nicht, dass sie damit eine Straftat im Sinne des Bundesnaturschutzgesetztes begehen, denn die Nester sind ganzjährig geschützt. Mehrere NABU- Ortsgruppen haben sich jedoch dem Schutz der Mehlschwalben verschrieben. Sie beraten die Hausbesitzer und bringen Kotbretter und Kunstnester an, um das Miteinander von Schwälbchen und Hausbewohnern zu verbessen. Im besten Falle kann dann eine Plakette für ein schwalbenfreundliches Haus vergeben werden. Auch das Schwalbenhaus ist eine Erfolgsgeschichte aus dem Kreis Gießen: Vor gut 30 Jahren wurde es in Krofdorf entwickelt. Inzwischen hilft es deutschlandweit die Wohnungsnot unter Mehlschwalben und anderen Arten zu lindern.

Mehlschwalbe © Eckhard Richter

