Pressemitteilung vom 26.07.2026
Mit 93 Brutpaaren (BP) im Kreis Gießen gab es in diesem Jahr einen enormen Anstieg, nach 66 2025 und 51 2024. Dabei wurden auch Standorte neu besetzt, die bisher noch nicht belegt waren. Zu nennen sind hier die Wieseckaue bei Lindenstruth, privat aufgestellte Kunsthorste im Salzbödetal und bei Odenhausen/Lumda und die Lumdaaue bei Mainzlar. Der wohl überraschendste und unnatürlichste Standort befand sich jedoch auf dem Gelände der Auto-Expo, einem vollversiegelten Parkplatz direkt an der viel befahrenen und lauten Bundesautobahn 5. Die dort stehenden hochmastigen Laternen mit jeweils vier Leuchten bilden eine gute Plattform und sind scheinbar sehr attraktiv, zumal in der Nähe eine Lebensmittelverwertungsfirma für eine Futterunterstützung sorgt.
An anderen Stellen gab es deutliche Zuwächse der Brutzahlen, insbesondere bei den Baumbruten im nördlichen Horloffgraben und in einem Pappelwäldchen in der Wieseckaue bei Gießen. Die Bruten auf Bäumen nahmen von 27 auf 46 Brutpaare zu, die auf Kunsthorstmasten von 32 auf 38, konstant blieb die Zahl der Bruten auf Jägerhochsitzen mit 6. Das liegt insbesondere daran, dass die Jagdkanzeln in den Auen (vor allem in der Horloff- und Lückebachaue) inzwischen mit allerlei Dachkonstruktionen ausgestattet werden, die die Weißstörche daran hindern, Nester darauf zu bauen. Außer der erwähnten Laternenbrut waren weitere einzelne Sonderstandorte von Bruten ein Bahnhochleitungsmast und das Schild eines Supermarktes. Keine Brut fand auf Häusern statt, was früher hierzulande öfters der Fall war und auch heute in anderen Ländern beobachtet werden kann und das, obwohl zum Teil sogar Nistmöglichkeiten angeboten werden, z.B. in Münster, Wetterfeld und Hungen.
Obwohl der Bruterfolg niedrig war mit nur durchschnittlich 1,58 ausgeflogenen Jungen pro Brutpaar, gab es durch die hohe Zahl an Brutpaaren jedoch mit 147 ausgeflogenen Jungstörchen so viele wie noch nie zuvor. Im Vorjahr lag der Bruterfolg witterungsbedingt mit 1,21 Jungen durchschnittlich noch niedriger, während es 2024 noch 2,25 Junge pro Brutpaar waren.
Würde man die vielen unerfolgreichen Bruten einer größeren Baumbrüterkolonie im Ostkreis ausblenden, bei der nur 12 von 33 Brutpaaren erfolgreich brüteten, hätte der Bruterfolg bei 2,01 Jungvögeln gelegen. Möglicherweise ist hier eine im Verhältnis zur vorhandenen Brutpaardichte zu geringe Futterverfügbarkeit vorhanden.
Die Auen bleiben die Schwerpunktgebiete im Kreis mit 48 BP an der Horloff, an der Wetter 12 BP, in der Wieseckaue und Jossoler 12 BP, in der Lückebachaue 8 BP, im Lahntal 4 BP, im Lumdatal 3 BP. Der Schwerpunkt liegt dabei bei weitem in der Horloffaue, aber auch in der Lückebachaue findet sich eine beachtliche Dichte.
Der Weißstorch breitet sich seit einigen Jahren in Westdeutschland aus, während er in Ostdeutschland abnimmt. Diese Entwicklung ist leider kein Zeichen einer Verbesserung der Umweltbedingungen in Westdeutschland, sondern steht in Zusammenhang mit dem mittlerweile attraktiveren westlichen Zugweg, der kürzer und weniger gefährlich ist. Die Weissstörche sind hier weniger der Jagd ausgesetzt, die insbesondere im Libanon auf diese Art erheblich ist. Außerdem ziehen viele Störche nur noch bis in den Rheingraben oder nach Südwestfrankreich und Spanien und nicht mehr nach Afrika, während die Ostzieher bis hinunter nach Südafrika fliegen. Dadurch kommen mehr Westzieher erfolgreich und auch früher aus ihren Winterquartieren zurück, was ihnen einen Vorteil bei der Auswahl der Neststandorte und auch beim verfügbaren Futter verschafft.
Der Autor, der 90% der Brutstandorte selbst kontrolliert hat, wurde bei der Erfassung unterstützt von Sonja Feucht, Colin Jandrasits, Dietmar Jürgens, Dr. Tim Mattern, Horst Scherer, Markus Schmidt, Klaus Spruck und Hans-Erich Wissner.
Dr. Achim Zedler

